Swonarew Kut - Звонарёв Кут
Swonarew Kut - Звонарёв Кут
Nach und nach hat es sich bemerkbar gemacht, dass sich die Obrigkeit eine eigenartige Sorge um uns machte. Sie war an gesunder, starker Arbeitskraft interessiert. Leider war diese Sorge für uns mit neuen Strapazen verbunden. Als wir nach der Arbeit am Abend zurückkehrten, strömten alle sofort in den Speiseraum (Kantine). Hier gab man uns vorerst je 20gr. flüssige Hefe und nötigte uns einen bitteren gelben Aufguss aus Kiefernadeln zu trinken. Die Vitamine sollten uns Energie und Gesundheit liefern. Erst danach hat jeder seine ihm zustehende Portion Suppe gekriegt. Es kommt mir in Erinnerung, wie es an einem frostigen Wintertag, die Trudarmisten, die das eklige Gebräu nicht verkraften konnten, es auf die Kantinentreppe schütteten. Das verwandelte die Treppe in eine Rutschbahn. Der Küchenchef, übrigens ein Deutscher, ein ehemaliger Offizier, der von der Front in die Trudarmee geschickt worden war, beschloss Ordnung in die Sache zu bringen und die Ordnungsverletzer ans Tageslicht zu ziehen. Ich stand als erster in der Schlange und nahm zum Schein einen Schluck von diesem Gebräu, den Rest schüttete ich auf die Treppe und reichte den Napf nach Suppe. Plötzlich packte mich dieser grosse kräftige junge Mann, der noch die Offizieruniform trug, an den Kragen und schleppte mich schreiend zum Abteilungsleiter, mit 20 Tage Strafarest drohend. Wenige kamen mit dem Leben davon. Ich erklärte, dass ich den Aufguss nicht mehr trinken konnte und ihn auf die Treppe geschüttet hatte, weil ich in der Aufregung keinen passenderen Platz sah. Der Leiter der 1. Abteilung, ein Jude mit russischem Namen Loginow, fragte den Küchenchef, ob er einen Kübel für die Aufgussreste vorgesehen hat. Er antwortete auf militärische Art: “Keinesfalls!“ „Dann machen Sie es so, wie es sich gehört, dann wird die Treppe sauber sein“, befahl der Vorgesetzte und ließ ihn gehen. Ich blieb aber weiterhin stehen. Und da, wo wir allein blieben, fragte der Vorgesetzte plötzlich auf Deutsch „Hab ich es richtig gemacht?“ Meine Antwort war: „Ganz richtig“. „Du bist frei“, sagte er mir doppelsinnig zum Abschied.
Später wollte es das Schicksal, dass ich noch einmal ihn, für jene Bedingungen untypischen Leiter, begegnete. Nach der erfolgreichen Schlacht bei Stalingrad hat sich die Ernährung der Trudarmisten ein wenig gebessert, und es schimmerte die blasse Hoffnung, mit dem Leben davonzukommen. Für unsere Brigade ist eine besondere, reichliche Verpflegung angeordnet worden. (insgesamt waren es drei Verpflegungsstufen.) Die jenigen, die die Tagesnorm mit 130% erfüllten, bekamen 1 Kilo Brot. Unser Brigadier war ein junger , flegelhafter Mann, der kein Mitleid mit unsereins hatte. Es kam mal vor, dass unsere Brigade besonders schwere Belade-, und -Entladearbeiten erfüllen musste, und so bekam jeder einige Tage hintereinander das ihm zustehende Kilo Brot, ich aber, der Schüchternste, den 800 Gramm Rest. Ich habe mehrmals versucht, das beim Brigadier zu klären, er aber hat mich jedesmal grob angeschnauzt. Sich nach dem Grund zu erkundigen, wollte er nicht, oder ihm bangte davor. Da beshloss ich mich bei dem Kolonnenvorgesetzten zu beschweren. Der hat sich in Brigadiers Abwesenheit bei dem Gruppenleiter erkundigt, wie ich arbeite; die Antwort war: „Gewissenhaft“, und der Vorgesetzte versprach mir zu helfen. Es vergingen aber 5 Tage und nichts hat sich geändert. In der Verzweiflung hab ich mich entschieden, mich an die letzte Instanz zu wenden, an Loginow. Als ihm bekannt wurde, dass ich die Tagesnorm auf 137% erfülle, hat er mich nach dem Brigadier geschickt. Er lag auf der Schlafbank und machte vorerst eine lange Brühe, aber als ihm die Ursache klar wurde, sprang er wie besessen auf. Vor dem Abteilungsleiter hatte man Respekt wegen seiner Strenge gehabt. Auf Anhib kriegte er beim Brigadier raus, dass ich die Wahrheit gesagt hatte. Loginow befahl ihm mit eiskaltem Ton: „Morgen früh geben Sie Ihre Ration dem Schneider und Sie geben sich mit 800 Gramm zufrieden solange, bis Sie die Ursache geklärt haben, warum er so wenig bekam. Klären Sie das über die Verwaltung, und binnen 5 Tage soll er die Brotdifferenz bekommen! Kapiert?!“ Der Brigadier war wie vom Wind weggeblasen, und wir wechselten dieselben Worte auf Deutsch, so wie auch das vorige Mal. Das Herz hüpfte mir vor Freude, dass endlich die Gerechtigkeit gesiegt hatte, und bitter wurde mir auch, dass ein gerechter Vorgesetzter in der Trudarmee eine Ausnahme ist, die die Regel bestätigt... Diese, auf den ersten Blick, unwesentlichen Vorfälle aus meinem Tscheljabinsker Leben sind auf ihre Art und Weise bemerkenswert. Ich denke, dass sie bildhaft schildern, was für eine Willkür in der Trudarmee herrschte, ungeachtet der strengen Reglementierung unseres ganzen Lebens. Und was uns besonders gekränkt hat, dass manchmal auch unsereins, die sich ein bisschen hochgeschafft haben, uns beleidigten. Um Gerechtigkeit zu erlangen, waren wir manchmal gezwungen, uns an die hohe Obrigkeit zu wenden. Diese Versuche aber waren, natürlich, nicht jedesmal erfolgreich, wie gerade beschrieben. Ich erinnere mich an den Versorgungsdienstleiter unserer Abteilung Silberman, der, zufälligerweise, wie auch Loginow, Jude war. Wir froren in den Gummistiefeln, beschwerten uns, dass wir nicht arbeiten können. Dieser Langfinger aber, wie es sich herausstellte, hat die Filzstiefel, die uns zustanden, auf dem Markt verkauft. Es gab Gerüchte, dass man ihn dabei erwischt und vor Gericht gestellt hat. Das bezweifle ich aber.
Unsere Brigade aus 15 Mann erledigte alle Arbeiten beginnend mit der Grundsteinlegung, Maurerarbeiten bis zu der Innenaustattung: Malerarbeiten, Fenster,- und, - Türeneinbau und Plinthen. Bloß den Fußboden haben wir nicht gestrichen. Viel Zeit haben Abladearbeiten (Bauholz, Zement, Kalk) in Anspruch genommen. Wenn es notwendig war, arbeiteten wir Tag und Nacht, bei Wind und Wetter, und haben 2 bis 3 Tagesnormen erfüllt. Woher bloß die hungrigen, ausgemergelten Leute die Kraft schöpften?! Die sogenannte Stachanowwachtnorm habe ich mehrmals auf 300-400% überboten. Aber außer Losungen, die man unter Blasmusikbegleitung an die Wand hängte, hatte niemand was davon. Aber einmal wurde ich durch Erholung in dem 1. Erholungsheim in der Zone belohnt. Die Nahrung war hier wesentlich besser, und ich, der so abgehungert war, konnte mich gar nicht satt essen. Vorwiegend erholten sich in dem Heim Leute, die nicht körperlich schwer gearbeitet hatten, die nicht so stark abgehungert waren und teilten ihre Rationen mit mir. Außerdem unterstützte mich nahrungsmäßig mein Schulkamerad David Richter. Er arbeitete in einer Schweinefarm und brachte mir Ölkuchen (Abfälle von Sonnenblumenölproduktion) was ich genau so lecker fand wie auch die Vierbeiner.
Auf diesem „Kurort“ bin ich in so eine Art Schläfrigkeit geraten, dass ich manchmal gar das Mittagessen verweigerte. Die Ärtzte untersuchten mich einige Male und wussten nicht, was mir fehlte. Und plötzlich musste ich mit Fiber 40° auf die Krankenstation eingeliefert werden. Von dorther brachte man mich in das zentrale Tscheljabinsker Krankenhaus. Schon unterwegs habe ich mich besser gefühlt. Die Krisis war, scheinbar, vorüber. Ich wurde auf der Typhusstation untergebracht und trotz meinen Behauptungen, dass mir nichts weh tut, hat man mich einen Monat lang nicht entlassen. Am schwierigsten war die erste Woche. An eine so ausgiebige Nahrung gewohnt, bekam ich hier jetzt nur 40 Gramm Brot, klebrigen schwarzer Klumpen. Außerdem stand uns zum Mittagessen eine Wassersuppe und Wasser zum Abendbrot zu. Diese kümmerliche Nahrung brachten meine körperliche Kräfte zum Schwinden, so wie ich zuvor war.
Da kam zum Glück eine Arztkomission aus Moskau und hat festgestellt, dass ich gar keinen Typhus hatte. Mein monatlanges Leiden war umsonst. Diesmal versetzte man mich in ein Sonderkomando unserer Abteilung zur Erholung. Halbtote Menschen nahmen eine ganze Baracke ein. Der Komandovorarbeiter hat sich über mich erbarmt und schickte mich auf den, von allen begehrten Arbeitsplatz, wo das Brot auf Portionen zugeschnitten wurde. In einem Monat habe ich ganz schön zugenommen – 11 Kilo, die Ärtztin aus Moskau hat mich kaum wiedererkannt. Nach so einer ganz schön langzeitigen Erholung, die die einzige in Tscheljabinsk war, kehrte ich gerne zu unseren Malern zurück.
| < Zurück | Weiter > |
|---|